«Ich würde nochmals Boogie-Woogie tanzen»

Diesen Monat feierte Bernhard Hess seinen 90. Geburtstag. Der gebürtige Deutsche kam als junger Mann geschäftlich in die Schweiz – und ist geblieben. Bernhard Hess ist der Inbegriff dessen, was man gemeinhin als «rüstigen Rentner» bezeichnet. Er sorgt dafür, dass den Bewohnerinnen und Bewohnern – und den Mitarbeitenden – im Seewadel nie langweilig wird.

Herr Hess, erzählen Sie uns doch kurz, wie Sie in die Schweiz gekommen sind.
Ich war in einer Firma für Industrienähmaschinen tätig und kam 1957, mit knapp 23 Jahren, durch diese Firma in die Schweiz. Ich habe als Vertreter die ganze Schweiz bereist und beliefert, darunter grosse Firmen wie Calida oder Schild. Dann habe ich meine Frau kennengelernt und wir haben geheiratet – und so bin ich geblieben. Wir haben zunächst in Zürich gewohnt, später sind wir nach Wettswil gezogen und waren dort wohnhaft, bis wir dann vor sechs, sieben Jahren ins Seewadel kamen.

Was war denn der Grund für den Umzug ins Seewadel?
Meine Frau hatte einen Streifschlag und es war mir danach leider nicht möglich, sie zu Hause zu pflegen. Mit der Hilfe unserer Nichte – wir haben keine Kinder – erhielten wir für sie dann ein Plätzchen hier im Seewadel. Zu Beginn bin ich täglich hin- und hergefahren, um möglichst viel Zeit mit meiner Frau zu verbringen und sie zu pflegen. Dann kam bei ihr noch Demenz dazu und wenn ich weg war, fragte sie oft nach mir – wir waren halt gegenseitig so verankert. Schliesslich konnte ich anfangs 2018 ebenfalls ein Zimmer hier beziehen und meine Frau pflegen, bis sie Ende desselben Jahres dann leider verstarb. Und so bin ich ins Seewadel gekommen und habe mich hier eingenistet.

Wie war es für Sie, sich im Seewadel einzuleben?
Nun, durch das Älterwerden funktionieren ja diverse Sachen nicht mehr so optimal und ich habe mir damals, als ich ein Jahr lang immer hin- und hergefahren bin, gesagt: Allein in der Wohnung musst du alles selber machen. Ich hätte das zwar gekonnt und könnte das vielleicht sogar heute noch, aber es gibt eben doch diverse Sachen, die alleine nicht mehr so gut funktionieren. Und wenn einem allein zu Hause etwas passiert, hat man ein Problem. Allerdings finden Menschen, die noch so fit sind, in einem Altersheim ja oft gar keinen Platz. Aber ich durfte damals im Seewadel ein freies Zimmer beziehen und sehe es als Privileg, dass ich hier sein darf. Und ich stelle fest: Es ist gut für ein Altersheim, wenn es Bewohnerinnen und Bewohner hat, die geistig und körperlich noch fit sind. Ich kann anderen Bewohnerinnen und Bewohnern, die selbst nicht mehr sprechen können, helfen und mich mit den Mitarbeitenden über Schwierigkeiten austauschen – so wie ich das im Falle meiner Frau damals gemacht habe. Das ist ein Vorteil.

Erzählen Sie uns ein wenig aus Ihrem Alltag: Was erleben Sie den ganzen Tag?
Ach, ich habe immer zu wenig Zeit (lacht). Ich will zu viel machen – und ich mache auch zu viel, weil es in meinem Naturell liegt, dass immer etwas geht. In meinem Beruf als Vertreter war ich immer unterwegs und habe viel mit den Leuten geredet, und das mache ich auch hier: Ich gehe auf die Leute zu, bin unterwegs. Manchmal muss ich mich selbst bremsen, ich könnte ja von morgens bis abends schaffen. Mein Motto lautet: Wenn du etwas machst, dann mach’ es richtig. Und so baue und bastle ich diverse Dinge für den Seewadel; ich habe zum Beispiel die Blumen beim Empfang gemacht.

Was ist für Sie das Schwierigste am Altwerden?
Ich habe mir immer gesagt: Was du mit 80 nicht erlebt hast, das kannst du nicht mehr erleben. Bis dahin geht’s, aber ab 80 – oder bei einigen schon viel früher – muss man fast jeden Tag etwas abhaken und feststellen: Das geht jetzt nicht mehr. Mit dem Alter wird man wieder zum Kind – und ein Kind braucht Liebe und Fürsorge, das gilt auch im Alter. Diese Tatsache anzunehmen, ist nicht leicht, aber es geht schliesslich allen so. Und es gibt ja auch Erlebnisse, die gut sind.

Was denn zum Beispiel?
Dass ich nicht mehr zur Arbeit gehen und Geld verdienen muss. Auch wenn man nicht mehr alles wie früher machen kann, hat das Alter durchaus seine schönen Seiten. Also ich bin gerne noch da.

Und wenn Sie jetzt noch einmal 20 wären, dann würden Sie was tun?
Lassen Sie mich überlegen… Mit 20, da war die Zeit des Boogie-Woogie. Wir waren damals drei Kollegen, wovon nur einer Geld verdiente, und der hat uns dann jeweils in ein Tanzlokal eingeladen. Das würde ich wieder machen!

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