In wenigen Wochen wird die 21-jährige Tatiana Antonio ihre Lehre als Fachfrau Gesundheit im Pflegeheim Seewadel abschliessen. Im Gespräch blickt sie zurück auf die vergangenen drei Jahre, erzählt, was besonders schön und was besonders herausfodernd war, und verrät, ob sie ihrem erlernten Beruf treu bleiben wird.
Tatiana, was hat dich dazu bewogen, deine Lehre in der Langzeitpflege zu absolvieren?
Ganz ehrlich: Ich wollte eigentlich nie in der Pflege arbeiten. Aber ich kam recht früh – schon mit 15 – aus der Schule und konnte deshalb in verschiedenen Bereichen Berufserfahrung sammeln: Ich machte Praktikas in der Kinderbetreuung, in der Wäscherei ... Und dachte dann: Eigentlich wäre es nicht schlecht, mal in der Pflege reinzuschauen und so machte ich ein Praktikum im Spital Limmattal. Dabei habe ich festgestellt, dass Fachfrau Gesundheit tatsächlich etwas für mich ist. Schliesslich führte das eine zum andern – und ich erhielt meine Lehrstelle hier im Seewadel.
Warum konntest du dir denn die Arbeit in der Pflege zunächst nicht vorstellen?
Wegen der Vorurteile; überall hörte ich: Ach, das ist nichts Spezielles, das ist etwas mega Langweiliges. Aber ich muss sagen: Die Arbeit in der Pflege ist alles andere als langweilig, sondern im Gegenteil sehr vielseitig. Es gibt medizinische Aspekte, es geht um Aktivierung und um Betreuung, sogar psychologische Betreuung – die Aufgaben sind wirklich sehr abwechslungsreich.
Was ist das Schönste in deinem Berufsalltag?
Ganz klar: die Wertschätzung und die Dankbarkeit – sowohl von den Angehörigen als auch von den Bewohnerinnen und Bewohnern. Jeder und jede von uns trägt sein privates Rucksäckchen mit sich rum, aber wenn ich morgens in ein Zimmer komme, «Guten Morgen» sage und die Bewohnerinnen und Bewohner mich dann anlächeln und antworten: «So schön, dass Sie wieder da sind», dann gibt mir das sofort ein gutes Gefühl. Diese Wertschätzung, diese Freude und Dankbarkeit, das ist das Schönste für mich.
In der Pflege gibt es ja aber auch die andere, vielleicht weniger schöne Seite. Was empfindest du als besonders herausfordernd?
Die Konfrontation mit dem Tod ist manchmal schwierig – vor allem für Lernende, wenn sie mit 15 oder 16 in den Beruf einsteigen und einen Todesfall miterleben. Das ist eine Herausforderung. Irgendwann lernt man zwar, auf seine Art und Weise damit umzugehen. Aber es geht mir bis heute nah, wenn ein Bewohner oder eine Bewohnerin verstirbt. Schliesslich pflegen wir diese Menschen manchmal über viele Monate oder Jahre und sie wachsen einem ans Herz.
Man baut natürlicherweise zu den Bewohnerinnen und Bewohnern eine persönliche Beziehung auf. Wie grenzt du dich ab?
Grundsätzlich kann ich Arbeit und Privates gut trennen und professionell mit Nähe und Distanz umgehen. Ich bin empathisch und mitfühlend, aber auf einer professionellen Ebene. Ich möchte, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner in meiner Gegenwart wohl fühlen und sich sagen: Diese Frau weiss was sie tut und ich habe sie gern in meiner Nähe. Aber mehr auch nicht. Wir sind mit den Bewohnerinnen und Bewohner deshalb bewusst per Sie. Ich gehe selbstverständlich auf ihre Wünsche ein und wenn sich jemand beispielsweise eine heisse Schokolade wünscht, dann erfülle ich diesen Wunsch – was immer ihr Herz begehrt. Mir ist das sehr wichtig, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner wirklich wohl fühlen bei mir.
Welche Fähigkeiten brauchen denn Lernende in der Pflege?
Wie grad vorhin erwähnt, sollte man einfühlsam und empathisch sein, und es braucht viel Geduld. Gleichzeitig muss man sich abgrenzen können: Es gibt Sachen, die gehen einem sehr nahe, trotzdem muss man in der Lage sein, professionell zu handeln – das ist sehr wichtig. Dann braucht es weiter Zielstrebigkeit. Es gehört meiner Meinung nach zur Lehre, dass man zu sich sagt: Heute will ich mir dies beibringen, heute will ich das lernen, damit ich es morgen umsetzen kann. Wichtig sind auch Team- und Kommunikationsfähigkeit, also dass man offen kommuniziert, Probleme anspricht, dass man Kritik annehmen, aber auch Feedback geben kann. Mein Ziel ist, dass ich von meinen Teamkolleginnen und -kollegen etwas lerne und ich will sie als Vorbilder wahrnehmen – darum ist eine gute Zusammenarbeit wirklich das A und O. Eine harmonische Stimmung im Team wirkt sich ausserdem positiv auf die Bewohnerinnen und Bewohner aus.
Du hast anfangs die Vielseitigkeit deiner Arbeit erwähnt. Welcher Teil deines Jobs macht dir am meisten Spass?
Das sind zwei Dinge. Einerseits erledige ich besonders gerne medizinische Aufgaben: Blutabnahme, Blutzucker oder Vitalwerte messen, Medikamente verabreichen. Andererseits mag ich den Austausch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Ich setze mich gerne einfach mal hin und nehme mir Zeit, um über alles zu reden, was sie beschäftigt. Ich bin gerne diese Person, die ihnen zuhört – auch wenn ich das Problem vielleicht nicht lösen kann, so konnten sie es wenigstens bei mir deponieren.
Wenn du auf deine bald drei Jahre im Seewadel zurückblickst: Was war das bisher eindrücklichste Erlebnis?
Ich erinnere mich an einen Moment, nach dem ich mit einer super Energie aus dem Haus gegangen bin: Ich hatte eine Konversation mit einer Bewohnerin und sie hat mich auf meine Hautfarbe angesprochen – also wie ich das heutzutage erlebe mit dem Rassismus. Ich finde es sehr bewundernswert, wenn mir Bewohnerinnen oder Bewohner die Frage stellen: «Wie ist es denn für Sie?», weil sie halt aus einer anderen Generation stammen und anders aufgewachsen sind. Es ist sehr schön, wenn sie auf mich eingehen und sagen können: «Ich akzeptiere Sie so, wie Sie sind und Ihre Hautfarbe ist mir egal.» Gespräche über Rassismus, verschiedene Nationalitäten, Geschlechter, über die Welt und die Menschheit – den Austausch über diese Themen finde ich sehr wichtig, auch und gerade im Altersheim, wo verschiedene Generationen aufeinandertreffen.
Von Anfang bis Ende – mit Tatiana Antonio
Von alten Menschen lerne ich ...,
wie man miteinander umgeht.
Das grösste Vorurteil über alte Menschen ist ...,
dass sie unseren Humor nicht verstehen.
In meiner Kultur haben alte Menschen ...
Lebensfreude!
«Alt werden» bedeutet ...,
dass das Ende des Lebens naht.
«Jung sein» heisst für mich …,
das Leben so zu leben, als wäre jeder Tag der letzte.
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